Botanischer Garten Kiel

Biologische Schädlingsbekämpfung

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Ein typisches Beispiel von biologischer Schädlingsbekämpfung: In Gärten sind Marienkäfer (=Nützlinge) gern gesehen, da sie und ihre Larven lästige Blattläuse (=Schädlinge) fressen.

Jeder Pflanzenfreund kennt sie: Schädlinge! Sie zerstören die Rosen im Garten oder knabbern die Wurzeln von Nutzpflanzen an und können so ganze Ernten gefährden.

Auch der Botanische Garten bleibt nicht verschont. Um gegen Schädlinge vorzugehen, wird ausschließlich auf biologische Schädlingsbekämpfung gesetzt. Dabei kommen Nützlinge zum Einsatz, die die Schädlinge gezielt bekämpfen. So wird bereits seit 20 Jahren komplett auf chemische Pflanzenschutzmittel in den Schaugewächshäusern verzichtet. Im Hinblick auf eine ohnehin schon belastete Umwelt ist dies eine wichtige Maßnahme.

Weiteres zur Biol. Schädlingsbekämpfung im Botanischen Garten

Die Kenntnisse und die umweltbewusste Einstellung der Mitarbeiter*innen des Botanischen Gartens, sowie die Zusammenarbeit mit der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät bilden die Grundlage für diesen biologischen Pflanzenschutz.

Das Prinzip dahinter ist einfach: Jede Art, unabhängig davon, ob wir sie als Schädling oder Nützling definieren, hat eine Funktion im Ökosystem. Solang es keine Störungen gibt, beispielsweise durch chemische Gifte, kommt es immer wieder zum biologischen Gleichgewicht: Damit sich Nützlinge etablieren können, brauchen sie immer genügend Schädlinge – denn sonst würden sie ja verhungern. Es kann sehr lange dauern, bis sich ein Gleichgewicht eingestellt hat und solange muss man z.T. größere Schädlingspopulationen erdulden. Doch sobald sich das System eingependelt hat, ist der weitere Aufwand zur Bekämpfung der Schädlinge minimal.

Nuetzlingsdose

Kleine Papiertüten und Dosen wie auf diesem Foto werden in den Schaugewächshäusern platziert, um Nützlinge freizulassen. Beim genauen Hinschauen lassen Sie sich in manchen Pflanzenkübeln entdecken. © Lisa-Marie Wachramejew.

Räuber als Nützlinge

Es gibt viele Nützlinge, die sich räuberisch von Schädlingen ernähren. Sie fressen die ausgewachsenen Tiere, ihre Larven oder Eier. Zu den Nützlingen zählen viele Insekten, aber auch Rundwürmer (Nematoden), kleine Säugetiere, Reptilien oder Vögel.

Blattläuse (auf der Abbildung: Macrosiphum euphorbiae): Jeder kennt sie, keiner mag sie – außer eine Vielzahl von Insekten! Wie auf der Abbildung zu sehen ist, haben Gallmücken-Larven (Aphidoletes aphidimyz) sie zum Fressen gern.

Gallmueckenlarve

Blattläuse (hier die Art Macrosiphum euphorbiae) werden vom Pflanzenliebhabern gehasst, dagegen von vielen Insekten geliebt. Wie hier zu sehen ist, haben Gallmücken-Larven (Aphidoletes aphidimyz) sie zum Fressen gern. © Lisa-Marie Wachramejew.

 

Parasitoide als Nützlinge

Auch Parasitoide dienen als Nützlinge. Parasitoide legen ihre Eier in oder auf Schädlingen ab. Zum Beispiel legen manche Schlupfwespen ihre Eier in Blattläuse. Wenn daraus Larven schlüpfen, ernähren sich diese von der Blattlaus, die somit abgetötet wird.

Wenn die Gärtner*innen beim Zurückschneiden parasitierte Schädlinge auf Blättern finden, lassen sie diese gerne liegen. Denn aus den befallenen Schädlingen schlüpfen neue Nützlinge.

Auf der linken Abbildung sieht man die Folgen der Eiablage der parasitoiden Schlupfwespe (Aphidius spp.) in eine Blattlaus. Bei der Entwicklung der Schlupfwespen-Larve zum adulten (erwachsenen) Tier wird die Blattlaus abgetötet. Die voll entwickelte Schlupfwespe schneidet dann einen kreisrunden Deckel in die tote Blattlaus und schlüpft hindurch. Was zurückbleibt, sind solche leeren Hüllen.

Parasitoid

Die Schlupfwespe Aphidius colemani dient als parasitoider Nützling, da sie Eier in Blattläusen ablegt (rechts, © Urs Wyss). Nach Entwicklung der Schlupfwespenlarven schneiden sie eine kreisrunde Öffnung in die tote Hülle der Blattlaus (links, © Lisa-Marie Wachramejew).

Probleme durch invasive Arten

Vorsicht ist beim Einsatz von Nützlingen allerdings auch geboten: Nicht heimische (sogenannte  invasive Arten) können einen störenden Effekt auf das heimische Ökosystem haben!

Der Asiatische Marienkäfer

Der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridi) wurde in den USA und Europa zur Blattlausbekämpfung freigelassen. Er hat inzwischen den heimischen Siebenpunkt Marienkäfer (Coccinella septenpunctata) fast vollständig verdrängt.

Marienkäfer

Die invasive Marienkäferart, Harmonia axyridi (rechts) verdrängt den heimischen Siebenpunkt Marienkäfer, Coccinella septenpunctata (links). © Urs Wyss.

Die tropische Ameise

Eine eingeschleppte, tropische Ameisenart (Plagiolepis alluaudi) macht dem Botanischen Garten derzeit zu schaffen. Die Ameisen ernähren sich gerne von Honigtau, also nicht von den Schädlingen selbst. Honigtau wird von vielen Schädlingen, beispielsweise von Wollläusen, abgesondert. Damit zählt diese invasive Ameisenart weder zu den Schädlingen noch zu den Nützlingen. Um genügend Honigtau zu ergattern, verteidigen die Ameisen „ihre“ Schädlinge. Sie vertreiben die Nützlinge und behindern so die biologische Schädlingsbekämpfung.

Schildlaus

Wollläuse (hier Pseudococcus longispinus) sind die mit am häufigsten auftretenden Schädlinge (links, © Lisa-Marie Wachrameiew). Die invasive Ameise Plagiolepis alluaudi verteidigt honigtauproduzierende Schädlinge gegen die Nützlinge und behindert so die biologische Schädlingsbekämpfung (rechts, © Wikimedia Commons).

Quellenangaben

Diese Informationen zur Biologischen Schädlingsbekämpfung wurden im Rahmen eines Bachelorprojektes von Frau Lisa-Marie Wachramejew erstellt.

Fortmann M. (1993) Das große Buch der Nützlinge. Neue Wege der biologischen Schädlingsbekämpfung. FRANCKH‐Kosmos, Stuttgart

Malais M. H., Ravensberg W J (2002) Knowing and recognizing the biology of glasshouse pests and their natural enemies. Koppert B.V., The Netherlands

Orr D. (2009) Biological Control and Integrated Pest Management. Bio-Intensive Integrated Pest Management in Fruit Crop Ecosystem. Springer, Dordrecht

Pohl A., Donner-Heise H., Kastner R., Völkl W., Lauerer M. (2007) Die tropische Ameise Plagiolepis alluaudi im Ökologisch-botanischen Garten Bayreuth: Probleme und Kontrolle. Der Palmengarten 71: 46-50

Roy H. E., Wajnberg E. (2008) From Biological Control to Invasion: the Ladybird Harmonia axyridis as a Model Species. BioControl 53: 1-4

Stüssi S., Guyer U., Zuber M. (2003) Handbuch zum Nützlingseinsatz in Gewächshäusern und Innenbegrünungen, Ed 4th. Andermatt BIOCONTROL AG, Grossdietwil

Zimmermann O. (2004) Die Anwendung von Nützlingen im biologischen Pflanzenschutz in Deutschland. Gesunde Pflanzen 56: 151–156